
Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin (Inv.-Nr.: F 55/1416)
Soziale Politik im Nationalsozialismus
„War Hitler ein Linker?“ fragt Jan Fleischhauer provokant und legt gleich im Stil der Boulevardpresse nach: „Stellen Sie die Frage nur, wenn Sie nicht an Ihrem Job hängen“. Was darauf folgt, ist der Versuch des FOCUS-Kolumnisten, sich in den historischen Wissenschaften zurecht zu finden und daran Kritik von systematischer Cancel Culture zu knüpfen. Er führt dabei Anna Dobler als Beispiel an, die nach einer umstrittenen Äußerung im Kontext mit der Wannseekonferenz ihre Stellung verlor. Die Journalistin stellte hierin Nationalsozialisten als überzeugte Sozialisten dar.
Fleischhauer verweist darauf, dass der Sozialismus bereits im Namen der NSDAP angelegt ist. Er führt die Etablierung des 1. Mai als Tag der Arbeit oder den Ausbau des Rentensystems, der Arbeitnehmerrechte und des Mieterschutzes als weitere Belege an. Letztlich kommt er zu dem Schluss:
Man sieht, je genauer man sich mit dem braunen Erbe beschäftigt, umso schillernder wird es. Bis heute werden gewaltige Anstrengungen unternommen, um jede Verwandtschaft zwischen rechtem und linkem Kollektivgeist in Abrede zu stellen.
Fleischhauer bedient dabei das Narrativ eines rechtsextremen Milieus, das die Nationalsozialisten gerne als Wohltäter, Sozialisten und Linke darstellt. Bereits vor rund 20 Jahren stellte der Historiker Joachim Fest die These der Nähe des Nationalsozialismus zum Kommunismus auf. Doch erschöpft sich dieser Vergleich im Wesentlichen bereits in der Feststellung, dass beide die Beseitigung der Strukturen der Weimarer Republik anstrebten und in totalitären Systemen mündeten.
Machtpolitisches Kalkül
Zur Deutung Fleischhauers und Fests kann man nur dann gelangen, wenn man den existenziellen Kern der nationalsozialistischen Ideologie ausblendet. Rassismus und die Ungleichheit der Menschen waren wesentliche Grundlagen der Weltanschauung der Nationalsozialisten. Diese stehen im krassen Gegensatz zum linken Gleichheitsideal.
Das Anbiedern Hitlers gegenüber der Arbeiterklasse war machtpolitisches Kalkül. Ohne deren breite Unterstützung war weder die Machtübernahme noch die Vorbereitung und Durchführung eines totalen Krieges denkbar. In der ideologischen Sichtweise der Nationalsozialisten heißt dies übersetzt, dass nur ein gesunder Volkskörper diesen Herausforderungen gewachsen war. Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter, die als Konkurrenz beim Buhlen um die Gunst der Arbeiter galten, waren die ersten Verfolgten nach der Machtübernahme Hitlers.
Dabei hatte es in der frühen Phase der NSDAP tatsächlich so etwas wie einen linken, einen sozialistischen Flügel rund um die Brüder Otto und Gregor Strasser gegeben. Beide verloren den Machtkampf gegen Hitler. Otto zog sich 1930 aus der Partei zurück, Gregor wurde 1934 im Zuge des Röhm-Putsches ermordet. Damit waren die letzten Zweifel an der ideologischen Ausrichtung der NSDAP und der Frage, an welchem Ende des politischen Spektrums der Nationalsozialismus angesiedelt ist, beseitigt.
Fazit
Wer davon überzeugt ist, die NSDAP trage aufgrund ihrer Programmatik den Sozialismus in ihrem Namen, der glaubt vermutlich auch daran, dass die DDR demokratische Züge aufgewiesen hat. Fleischhauer lässt sich in geradezu naiver Weise von einer vordergründigen Sozialpolitik blenden. Mit dem historischen Erfahrungsschatz des 21. Jahrhunderts darf und muss man einen anderen Umgang mit unserer Geschichte erwarten. Jakob Augstein merkte zu der Debatte bereits 2015 an:
Links und Rechts, alles eins? Das ist ein schlimmer Vorwurf. Im Angesicht der Geschichte ohnehin. Die Sozialisten gehörten zu den ersten, die in Hitlers Konzentrationslager wanderten. Und dann mutet man ihnen noch zu, mit den Nazis in „sozialistische“ Geiselhaft genommen zu werden?
Übrigens: Auch wer nicht über den Background einer wissenschaftlichen Ausbildung als Historiker verfügt, kann sich der sensiblen Thematik gehaltvoll widmen, wie der bemerkenswerte Blogbeitrag von Sigi Lieb aufzeigt. Chapeau!