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Neustrelitz – Residenzstadt mit ambitionierten Rekonstruktionsplänen

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Residenzschloss Neustrelitz
Residenzschloss Neustrelitz – Stich um 1840

Barocke Residenz

Kennt ihr Neustrelitz? Ich denke, nicht viele können mit dem Namen der kleinen Stadt am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte etwas anfangen. Dabei hat die ehemalige Residenzstadt trotz ihres vergleichbar jungen Alters eine bewegte Vergangenheit aufzuweisen. Zwar existierte in der unmittelbaren Nachbarschaft bereits seit dem 14. Jahrhundert eine Stadt mit Brandenburger Stadtrecht unter dem Namen Strelitz, doch erst, nachdem der Ort zur Residenz des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz erhoben wurde, entstand ab 1733 die planmäßige barocke Stadtanlage, die noch heute den Charakter der Stadt bestimmt: Neustrelitz.

Das Schlossviertel

Höhepunkt eines jeden Kulturbesuches ist zweifellos der weitläufige Schlossbezirk, der sich mit dem Schlosspark südwestlich an die Stadtanlage anschließt. Die barocke Sichtachse ist auf den nahegelegenen Zierker See ausgerichtet und endet mit dem Hebetempel als point de vue (Sichtpunkt), ehemals direkt am Ufer gelegen. Bevor man aber den leichten Anstieg zur Schlossterrasse antritt, sollte man sich nach Südwesten wenden. In einen Landschaftspark eingebettet erhebt sich stimmungsvoll auf einem Hügel der Luisentempel, 1891 zur Erinnerung an die Strelitzer Prinzessin und preußische Königin Luise errichtet.

Den besten Überblick über den Schlossbezirk und die darin verorteten Bauwerke des 18. und 19. Jahrhunderts erhält man von der Schlossterrasse: Kavaliershaus, Orangerie und Marstall. Durch das Hirschportal in der Verlängerung der Sichtachse betritt man mit dem Tiergarten das ehemalige herzogliche Jagdrevier, das sich durch einen dichten Laubwald auszeichnet und den Besucher in eine andere Welt eintauschen lässt.

Neustrelitz - Orangerie
Orangerie

Dir Krönung findet das Residenzviertel aber unzweifelhaft in der neugotischen Schlosskirche. Sie wurde 1855 bis 1859 durch den Architekten und ranghöchsten Baubeamten des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz Friedrich Wilhelm Buttel errichtet. Ihr romantisches Erscheinungsbild aus gelblichem Backstein lässt erahnen, dass dieser ein Schüler Schinkels war.

Neustrelitz - Schlosskirche mit Denkmal
Schlosskirche mit Denkmal für Friedrich Wilhelm Buttel im Schlosspark

Fehlendes Herz: das Residenzschloss

Der Unkundige wird an dieser Stelle etwas ratlos stehen und nach dem vermeintlichen Höhepunkt jeder Schlossgartenanlage Ausschau halten, dem im Mittelpunkt stehenden Schloss. In Neustrelitz existiert es nicht mehr. Die Stadt hat ihr Herz am Ende des letzten Krieges verloren. 1945 brannte das Schloss aus und die wiederaufbaufähige Ruine wurde 1949 gesprengt und bis 1950 komplett abgetragen, womit sie das Schicksal vieler anderer feudaler Architekturerzeugnisse in der ehemaligen DDR teilt. Einzig die Kellerräume blieben erhalten.

Doch in Neustrelitz wiegt der Verlust des Schlosses für die Identität der Stadt – das fühlt man selbst als Besucher – so sehr, dass es Rekonstruktionspläne gibt. Die sind mittlerweile so weit vorangeschritten, dass zumindest der markante Schlossturm in näherer Zukunft als Aussichtsplattform und Ausstellungsraum in originalen Formen wiederauferstehen könnte. Der Residenzschlossverein Neustrelitz bemüht sich zudem akribisch um eine virtuelle Rekonstruktion des Schlosses nach wissenschaftlichen Standards. Diese könnte vielleicht in ferner Zukunft als Grundlage für eine komplette Rekonstruktion der Anlage dienen.

Ein solches Unterfangen wird hier in der mecklenburgischen Provinz sicher nicht leicht umzusetzen sein. Finanzierung und Nutzungskonzepte sind die primären Stolpersteine. Hinzu kommt, dass der Bau kein einheitliches Gepräge aufwies. Die ursprünglich barocke Anlage wurde mehrfach um- und ausgebaut, zuletzt im frühen 20. Jahrhundert um drei Flügel ergänzt. Umso mehr muss die Frage nach dem Umfang und der Detailtreue einer Rekonstruktion gestellt werden. Eines scheint aber offensichtlich: Neustrelitz benötigt an dieser Stelle sein Herz wieder.

Stadtanlage

Ich gebe unumwunden zu, dass ich keine hohen Erwartungen an die Stadt hatte und wurde positiv überrascht. Nicht nur das Schlossviertel hat trotz des verlorenen Schlosses seinen Reiz in großen Teilen bewahrt, auch die Stadtanlage, die mit ihrem sternförmigen Grundriss und der historischen Bebauung ein ungewöhnlich vollständiges barockes und klassizistisches Gesamtensemble darstellt, lädt zum Entdecken und Flanieren ein. Vom Turm der Stadtkirche am Marktplatz ist die Stadtanlage hervorragend zu erschließen.

Neustrelitz - Marktplatz
Marktplatz von Neustrelitz mit Rathaus – Blick vom Turm der Stadtkirche

Äußerst reizvoll ist die Lage von Neustrelitz unmittelbar am Zierker See. Eine Promenade führt vom Slawendorf Neustrelitz – einem archäologischen Erlebnisdorf – vorbei am Chinesischen Pavillon, dem Schlosspark und am Stadthafen bis zum Nordufer des Sees. Insbesondere rund um den Hafen mit seinen restaurierten Speichergebäuden herrscht eine mondäne Atmosphäre. Dazu tragen die Gastronomie und die sanften touristischen Angebote rund um den Wassersport bei. Neustrelitz bleibt mir als sympathische und charmante Kleinstadt in Erinnerung!

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