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Der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam

Posted on – zuletzt aktualisiert am 17. April 2026
Garnisonkirche Potsdam
Carl Hasenpflug, Die Garnisonkirche zu Potsdam, 1827

Potsdams historische Mitte

Potsdam ist als Residenz der preußischen Könige nicht nur einer der bedeutendsten Orte deutscher Geschichte, sondern mit seinen Schlössern und Gärten UNESCO-Weltkulturerbe. Dabei war das historische Stadtzentrum Potsdams, der Alte Markt, im letzten Krieg und vor allem durch die ideologisch bedingten Abrisse des DDR-Regimes zu großen Teilen ausradiert. Eine riesige Brachfläche, auf die sich kaum ein Mensch verirrte, klaffte wie eine Wunde im Stadtbild. Nur noch die Nikolaikirche hielt Stellung.

Nach der Wende besann man sich in Potsdam aber seiner preußischen Geschichte und startete ein ambitioniertes Stadtbauprojekt. Am Alten Markt wurden Leitbauten des Barock rekonstruiert: das von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbaute Stadtschloss – heute ist hier der Landtag untergebracht – und das Palais Barberini, das als Museum genutzt wird. Jüngst ist auch der Plögersche Gasthof wiederauferstanden. Weitere historische Bauten sollen die Platzanlage und das Umfeld komplettieren und das preußische Kulturerbe wieder in seiner vollen Pracht erfahrbar machen.

Rekonstruktion der Garnisonkirche

Unweit des Alten Marktes stand auch die 1732 geweihte Garnisonkirche, einer der architektonisch und historisch bedeutendsten barocken Sakralbauten im protestantischen Deutschland. Die Ruine der durch Kriegseinwirkung ausgebrannten Kirche wurde erst 1968 abgerissen, obwohl ein Wiederaufbau möglich und auch geplant war. Nach der Wende nahm man sich des Themas erneut an. Die Rekonstruktion begann offiziell am 29. Oktober 2017 und konnte mit der Errichtung des 2024 eröffneten Turmes mittlerweile ein Etappenziel erreichen.

Sprengung Garnisonkirche Potsdam
Sprengung der Garnisonkirche am 19. Juni 1968 – Foto: Lutz Hannemann

Finanzielle Unterstützung erhält das Projekt vom Bund, von der evangelischen Kirche, aber auch von privaten Spendern wie Günther Jauch, der Potsdam zu seiner Wahlheimat gemacht hat. Zu den wichtigsten Stakeholdern gehören die Stiftung Garnisonkirche Potsdam und die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Zunächst sollte der stadtbildprägende, fast 90 Meter hohe Turm als Wahrzeichen Potsdams errichtet werden. Die Planungen für die Rekonstruktion des Kirchenschiffes sind dagegen ins Stocken geraten. Ob es jemals gebaut werden kann, ist derzeit offen. Zu diesem Zweck muss auch das an dieser Stelle in den 70er Jahren errichtete und lange leer stehende Rechenzentrum weichen, dessen Abriss mehrfach verschoben wurde. Zurzeit ist dort ein Künstlerzentrum beheimatet.

Widerstand und kritische Stimmen zum Wiederaufbau

Der Kirchenbau ist 2013 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien als national bedeutendes Kulturdenkmal eingestuft worden. Eine nach alten Plänen neu errichtete Garnisonkirche wäre ein weiterer Schritt zur Wiedergewinnung der historisch-barocken Mitte Potsdams. Ohne diesen Leitbau ist dieses Vorhaben nicht zu realisieren. Und trotzdem gab und gibt es heftige Kritik an den Wiederaufbauplänen. Es waren zunächst Initiativen wie Potsdamer Mitte neu denken, Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche oder Stadtmitte für alle rund um den Kunsthistoriker André Tomczak, die das sozialistische Stadtbild der DDR-Zeit als Zeitzeugnis erhalten wollten. Man fürchtete eine Gentrifizierung der Potsdamer Stadtmitte. Seit dem Baubeginn an der Garnisonkirche ist es aber um diese Bündnisse mitunter ruhig geworden bzw. viele von ihnen sind offenkundig in Potsdam – Stadt für alle aufgegangen.

Die Organisation Christen brauchen keine Garnisonkirche wählt für ihre Kritik einen anderen Ansatz und spricht dem Sakralbau eine zweifelhafte Symbolwirkung zu. Man verweist auf die Funktion der Kirche als Militärkirche unter den preußischen Königen. Zudem wäre die Kirche für nationalsozialistische Propaganda missbraucht worden, insbesondere durch den am 21. März 1933, dem Tag von Potsdam, erfolgten Festakt zur konstituierenden Sitzung des Reichstages, bei dem sich Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg die Hand gaben. Die durch dieses Bündnis von Thron und Altar bestimmte Geschichte der Potsdamer Kirche hat der Journalist Matthias Grünzig in seinem Buch Für Deutschtum und Vaterland: Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert skizziert.

Garnisonkirche Potsdam - Luftaufnahme
Turmrekonstruktion der Granisonkirche im August 2023 – Quelle: Raimond Spekking/Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Barockes Erbe und die Belebung des Stadtzentrums

Doch kann dieser kurze Überblick nicht dazu dienen, die Argumente der Wiederaufbaugegner ausreichend zu würdigen. Dennoch darf die Frage gestellt werden, wie es gelingen kann, diese gegensätzlichen Standpunkte zu einem Kompromiss zu vereinigen. Zum einen ist festzuhalten, dass man um die Wiedererrichtung der Garnisonkirche nicht herumkommt, wenn man den ernsthaften Versuch unternimmt, Potsdams barocke Stadtmitte wieder erfahrbar zu machen. Wer jemals durch die trostlosen Plattenbauten des sozialistischen Wohnungsbaus gewandelt ist, kann auch nicht seriös abstreiten, dass die Rekonstruktionen der Stadt Attraktivität und entsprechend wirtschaftliche Impulse durch Tourismus und eine erhöhte Aufenthaltsqualität geben würden.

Dass das Konzept einer wiedergewonnenen Stadtmitte aufgeht, zeigen die bisherigen Bemühungen Potsdams um sein barockes Erbe am Alten Markt und auch Erfahrungen anderer Städte wie am Neumarkt in Dresden mitsamt Frauenkirche oder in Frankfurt am Main, wo große Teile der im Krieg zerstörten Altstadt rekonstruiert werden. Die Menschen sehnen sich nach einem historischen Milieu mit lokaler Identität, das den vielerorts aussterbenden Stadtzentren neues Leben einhauchen kann. Der Erhalt der DDR-Platte, wie am Potsdamer Rechenzentrum von den Bürgerinitiativen gefordert, kann jedenfalls keine Antwort auf diese Problematik darstellen. Er verstärkt sie nur.

Nutzungskonzepte

Auf der anderen Seite müssen derartige Bauvorhaben stets mit nachhaltigen Nutzungskonzepten verbunden werden, um die Architektur nicht zu einer Kulisse oder Disneyland verkommen zu lassen, wie es die Gegner von Rekonstruktionen gerne bezeichnen. Eine vitale und ausgewogene Mischung aus Wohnen, Kultur und Kommerz könnte der befürchteten Gentrifizierung entgegenwirken. In Bezug auf die Garnisonkirche wäre angesichts des sensiblen Ortes eine Nutzung als Erinnerungs- und Geschichtszentrum Potsdams vielleicht der ersehnte Kompromiss. Entsprechende Ansätze und Ideen für einen Lernort Garnisonkirche sind bereits vorhanden. Die Anziehungskraft dieses stadtbildprägenden Baus könnte genutzt werden, um zugleich seine kontroverse Geschichte zu diskutieren und zu vermitteln. Dafür müssen sich nur alle Parteien an einen Tisch setzen.

Das DDR-Regime sprengte die Garnisonkirche 1968 unter dem Vorwand, der Kirchenbau wäre ein Symbol des deutschen Militarismus. Man sollte diesen Fehler jetzt nicht ein zweites Mal begehen und keine ideologischen Scheinargumente in die Debatte einführen. Die Stadt Potsdam ist ein Symbol für den eingeschlagenen Weg zu einer gelungenen Stadtrekonstruktion. Ihre barocke Architektur ist identitätsstiftend und sollte durch ihre ästhetische Wirkung und nicht allein durch historische Ereignisse beurteilt werden. Die Architektur mit einer Rekonstruktion zu würdigen und zugleich die Erinnerung an den Missbrauch des Ortes zu bewahren, stellt ein nicht gänzlich unmögliches Unterfangen dar. Eine leere oder durch Neubauten entstellte Fläche kann dagegen beiden Anliegen nicht gerecht werden.

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